Del Teide ist der Ursprung von „Plastikstadt“

Der Schneeberg, auch als “Vater Teide” bezeichnet, macht mit seinen 3.780 Metern Höhe über und gleichzeitig im Zentrum der Insel einen durchaus imposanten Eindruck. Tomás Acosta Lima, unser Reiseführer für einen Tag, relativiert die mögliche Bedrohung jedoch schnell: “Die Vulkane waren immer gut zu uns, die Politiker machen mir da mehr Angst”. Der “Höllen-Berg” wie er auch in der Ursprache der Guanen genannt wurde, ist der höchste Berg Spaniens und liegt als Zentrum inmitten aller Kanarischer Inseln auf Teneriffa. Die letzte Aktivität des Teide liegt etwa 1.000 Jahre zurück. Seit dem schläft er, ist aber noch immer aktiv, da ist sich Tomás sicher.

Der Vater Teide, der über Teneriffa wacht. Foto: Rupert Ganzer, flickr.com, CC BY-SA 2.0

Der Vater Teide, der über Teneriffa wacht.
Foto: Rupert Ganzer, flickr.com, CC BY-SA 2.0

Der letzte Vulkanausbruch ereignete sich 1909 in einem der neun weiteren Vulkane der Insel. Wer wegen dem Vulkangestein jedoch eine triste und eintönige Landschaft erwartet, der wird enttäuscht. Vorallem im Norden der Insel bietet die Natur eine pflanzliche Vielfalt, die schon Alexander von Humboldt als einzigartig bezeichnete. Diese Vielfalt wird durch die unterschiedlichen Klimazonen begünstigt: Von der Kanarischen Kiefer wird man bis zu einer Höhe von 2.000 Metern begleitet. Auf der Fahrt vom Teide in das Orotavatal ist die Landschaft unter anderem von Kastanien, Lorbeer- und Erikawäldern übersät. Zahlreiche Kakteenarten und unzählige blühende Blumen und Pflanzen verwandeln den Norden der Insel rund um den Del Teide von März bis Juni in ein Blütenmeer.

Eine sehr schöne aber keine wunderschöne Toilette

Pause machen wir auf unserem Weg nach Puerto de la Cruz am Ortseingang des kleinen Örtchens Vilaflor kurz vor Orotava Stadt. In einem kleinem Café trinken wir mit einer handvoll Einheimischer einen Barraquito. Die süße Kaffeespezialität ist der Geheimtipp von Tomás. Das Geheimnis dieser Spezialität besteht neben gutem Kaffee aus Milch, gesüßter Kondensmilch, einem Schuss Likör und dem krönenden Milchschaum obendrauf – ein Traum für Kaffeegenießer. Das kleine Café kann mit seinem Barraquito also doch noch überzeugen, auch wenn es nicht Tomás erste Wahl ist. Er macht nämlich Unterschiede: es gibt “sehr schöne” und “wunderschöne” Toiletten. Sein Stammcafé für einen obligatorischen Toilettenstopp hat heute aber leider geschlossen. Unser sympathischer Reiseführer ist um das Wohl seiner Gäste sehr bemüht und plant die Notdurft regelmäßig in das Programm mit ein. Er ist ganz verwundert als wir nach zehn Minuten nicht schon wieder ein stilles Örtchen aufsuchen müssen: “Amerikaner müssen immer auf die Toilette”.

330 Tage Sonnenschein

Tomás weiß, dass Teneriffa schon seit dem 19. Jahrhundert durch das beständig milde Klima auch aus gesundheitlichen Gründen sehr beliebt ist. Die ersten englischen Touristen entdeckten schon damals die Größte der Kanarischen Inseln für sich als Urlaubs- und Erholungsziel. Und das ist verständlich, denn kaum ein anderer Ort bietet 330 Tage Sonne im Jahr bei angenehmen Temperaturen bis zu 27 °C im Sommer. Wärmer wird es nur, wenn die Scirocco-Wolken aus der Sahara über die Insel ziehen. Ein weiteres Naturschauspiel bieten die tiefhängenden Passatwolken, die bis auf eine Höhe von 1.000 Metern aufsteigen und somit beim Aufstieg auf den Teide fast mit den Händen greifbar sind. Bis auf 3.500 Meter kann man den größten Vulkan der Insel mit der Seilbahn erreichen, um dann auf einem der vielen Wanderwege den Rest des Gipfels zu erklimmen.

Insgesamt bestehen 60 Prozent der Fläche Teneriffas aus Naturschutzgebieten, die Wanderwege von insgesamt 2.500 Kilometern bieten. Mandelbäume, Bananenstauden und Weinberge sind charakteristisch für die Insel. Der Weinanbau reicht jedoch nicht einmal für den Konsum der Insulaner selbst, so dass die exquisiten Tropfen leider nicht auf dem Festland zu bekommen sind. Im Gegenteil – Wein muss aus anderen Teilen Europas auf die Insel eingeführt werden. So sind die Tinerfeños nicht nur auf diesem Gebiet auf fremde Hilfe angewiesen und dankbar für jeden Neuankömmling auf der Insel.

Karneval für Groß und Klein. Foto: Casey Hugelfink, flickr.com, CC BY-SA 2.0

Karneval für Groß und Klein.
Foto: Casey Hugelfink, flickr.com, CC BY-SA 2.0

Süden vs. Norden

Auf der sieben bis acht Millionen Jahre alten Insel wird man im Süden in einer “Plastikstadt”, wie Tomás den südlich vom Tourismus bestimmten Teil der Insel nennt, begrüßt, bekommt im Gegenzug dazu dann aber im Norden Geschichte und Kultur geboten. “Alles Gute gibt’s im Norden…” sagt der sympathische Reiseleiter. In Santa Cruz, der Hauptstadt der Insel, ist das kulturelle Highlight des Jahres der Karneval. Der nach Rio zweitgrößte Karneval, der von Ende Januar bis Ende Februar stattfindet, beginnt ganz offiziell mit den Wahlen von Königin und Kinderkönigin. In den aufwändig gefertigten Festwagen und Aufbauten, die die potenziellen Königinnen zur Schautragen stecken so viel Liebe zum Details und Kreativität, so dass allein ihre Bewunderung einen Abstecher auch für Faschingmuffel wie mich zum Karneval wert ist.

Unter dem diesjährigen Motto “Flower Power” sind von golden- und silberfarbigen Phantasiegebilden auch ganz bunte Wagen mit Phantasievögeln, Schmetterlingen, Sternen, Herzen und Blumen, ganz im Zeichen der 60er Jahre dabei. Für das närrische Treiben auf den Straßen sorgen die singenden Murgas und tanzenden Comparsas bei den Straßenumzügen. Aber nicht nur die singenden und tanzenden Karnevalsgruppen dürfen an den Umzügen teilnehmen, jeder der Lust und Motivation verspürt, darf verkleidet mit durch die Straßen tanzen. Von klassischen Clownskostümen bis zu Spongebob und süßen Früchtchen ist alles bei dem großen Straßenfest dabei. Männer haben dabei keinerlei Scheu sich als Frau zu präsentieren, ob als gewolltes Statement oder nur als Gag. Die etwas „runder- Proportionierten“ ziehen genau wie die ganz wohlgeformten in knappen wie auch aufwendigen Kostümen mit opulentem Federschmuck, wie man es von Fernsehaufnahmen aus Rio kennt, an einem vorbei. Die Zuschauer, die schon am Nachmittag ihre Stühle am Straßenrand in Position gebracht hatten, feiern die mit Spannung erwarteten gekrönten Königinnen des Karnevals. So sehen wir staunend nicht nur die Kinderkönigin und Königin an uns vorbeiziehen, sondern auch die fünf erstplatzierten der Seniorenköniginnenwahl. Dieses bunte Spektakel soll noch vom Karneval Highlight „Coso“ übertroffen werden den wir leider nicht miterleben dürfen, weil wir zu dem Zeitpunkt schon wieder zurück im kalten Deutschland sein werden.

Flipper und Co schwimmen mit Foto: penjelly, flickr.com, CC BY-ND 2.0

Flipper und Co schwimmen mit
Foto: penjelly, flickr.com, CC BY-ND 2.0

Von Delfinen und Walen

Auf dem Atlantik bei Beobachtung der ortsansässigen Long Fin Pilot Wale liegen dann zwei Stunden Erholung auf dem Programm. Auf dem Catamaran Eden von Käpt’n Ancor lässt es sich am Vormittag bei kühlen Getränken und strahlendem Sonnenschein gut “chillen”. Ancor und seine nette Crew wissen wo genau Flipper und Co zu finden sind. Neben Japan leben nur hier rund um Teneriffa das ganze Jahr über Wale. Neben den zwischen 3,8 bis 6 Meter langen Pilot Walen und Delfinen, die dauerhaft in dieser Gegend des Atlantiks leben, schauen auch mal größere Tiere der Spezies auf ihren Wanderungen vorbei.

Unter anderem wurden Blauwale und Orkas gesichtet. Flipper und seine Freunde tauchen als erstes neben dem Boot auf als wir an der Doradenzucht vorbeifahren. Sie halten sich mit Vorliebe hier auf, weil sie hoffen, dass die ein oder andere Dorade den Weg ins offene Meer findet und somit eine schnelle und leicht erbeutete Mahlzeit bietet. Auf die Wale treffen wir dann etwas weiter draußen auf dem Meer. Es treiben eine handvoll Tiere neben unserem Boot die mal ab und wieder auftauchen. Sie schlafen erzählt Ancor. Nicht so wie wir Menschen, viele Stunden am Stück, sondern minutenweise. Die Wale leben in Familien zusammen in denen die Weibchen eine wichtige Rolle spielen. Sie orten das Essen der Familie und schicken dann die männlichen Mitglieder der Gruppe in bis zu 3.500 Meter Tiefe, die dort 14 Meter lange Octopus aufscheuchen und an die Meeresoberfläche bringen an der sie dann durch den hohen Druck explodieren. Von so einem Octopus kann sich die ganze Familie ernähren. Luftholen müssen die Wale nicht all zu oft, sodass sie es bei einer Tiefe von 1.000 Metern bis zu 20 Minuten und in einer Tiefe bis zu 15 Metern sogar 45 Minuten aushalten können. Die zwei Stunden sind nur so dahin geflogen und wir lassen die Wale und Delfine hinter uns und fahren leider wieder gen Küste.

Direkt am Meer die weitläufige Anlage des Lago Martianez Foto: Daniel H., flickr.com, (CC BY 2.0

Direkt am Meer die weitläufige Anlage des Lago Martianez
Foto: Daniel H., flickr.com, (CC BY 2.0

Von Gummi- und anderen Meerestieren

In La Caleta wartet auf uns das Masia del Mar mit typisch kanarischen Fischspezialitäten. Das Restaurant liegt direkt am Meer und bietet neben leckerem Fisch ein tolles Ambiente auf Wunsch sogar mit Blick aufs Meer, Meeresrauschen und salziger Seeluft, die einem auf der Terasse um die Nase weht. Nach leckerer Vorspeise, bestehend aus allerlei Meeresfrüchten, Muscheln und frittierten Tintenfischringen, die ich lieber auslasse, weil ich nicht so gerne auf Gummi kaue, gibt es dann eine lokale Spezialität namens Cherte.

Ein ganz außerordentlich leckerer und saftiger Fisch. Und noch viel leckerer mit dem in der kanarischen Küche obligatorischen Mojo. Ein Dip in verschiedenen Geschmacksrichtungen den man eigentlich zu allem essen kann. Je nach Geschmacksrichtung ist der kalte Dip mit Chili in rot oder je nach dem wie zubereitet mit Petersilie oder Koriander in grün zu genießen. Nach der Schlemmerei stehen ein Spaziergang entlang der Uferpromenade mit einem Abstecher zum schwarzen Strand oder Stöberei in den zahlreichen Touristenboutiquen von Los Christianos bis hin zur Playa de las Americas zur Auswahl. Wer noch Lust auf ein bisschen mehr Kultur hat, sollte noch einen Abstecher in die Altstadt der alten Hafenstadt Puerto de la Cruz machen. Dort verzaubern einen die kleinen Gassen und alten Hotels mit ihrem ganz eigenem Charme. Neben kurzen Strandabschnitten entlang der Promenade gibt es hier die großzügige Anlage Lago Martiánez mit Meerwasserfreibädern. Hier ist unverkennbar der Einfluss des Architekten und Umweltschützers César Manrique zu erkennen, der sich durch die Nähe zur Natur auszeichnet. Wer also keine schwarzen Füße am Strand bekommen möchte, muss trotzdem nicht auf das Gefühl von Sonne, Strand und Meer verzichten. An Möglichkeiten die Freizeit zu gestalten mangelt es auf Teneriffa jedenfalls nicht und wenn man wie Humboldt vor rund 200 Jahren das Teide-Veilchen (neu) entdeckt.

Teaserbild: Oliver Keller, flickr.com, CC BY-SA 2.0



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