Himmel, Hölle & Helsinki

Es gab einen Moment, damals in Finnland, da dachten die beiden erstaunt, sie befänden sich in Südfrankreich. Weiße Segelschiffe zogen elegant am Ufer vorbei, das Meer schien azurblau, die Sonne schien so heiß auf ihre Köpfe, dass sie trotz traumhaften Blickes und den bequemen Steinklippen schnell wieder unter den Sonnenschutz der Fichtenbäume wollten. Aber auch dort, im kühlen Schatten, da fühlte sich Finnland an wie Frankreich.

Der Badestrand Hietaranta ist der größte Strand der Stadt. Foto: Antti T. Nissinen, flickr.com, CC BY 2.0

Der Badestrand Hietaranta ist der größte Strand der Stadt.
Foto: Antti T. Nissinen, flickr.com, CC BY 2.0

Es war August, Ende August, und zwischen Piroggen und Blaubeerkuchen, da hatten sie sich verliebt. Nicht neu in ihre Liebe – was schwer war nach all den Jahren – sondern in die lustigen Straßenschilder, die in der gesamten Stadt in russisch und finnisch beschrieben waren. Beides klang witzig, unaussprechlich, ausländisch und damit genau richtig. Denn wozu fährt man ein langes Wochenende weg, wenn man sich nicht wie in der Fremde fühlen will? Sie hatte ihm diese Reise geschenkt, zu seinem Geburtstag. Den feierten die beiden, wohnhaft in einem Vier-Sterne-Hotel, mitten in der Innenstadt von Helsinki. Doch Helsinki war (und ist es immer noch) klein, so dass die Promenade mit den Jugendlichen, die niedrig-prozentiges Dosenbier tranken, nicht weit entfernt lag. Dort, am kleinen Hafen, befanden sich die Hallen mit dem frischen Fisch, denn die beiden nur anschauten, denn sie waren strikte Vegetarier. Enorme Fähren lagen im Hafen, die rüber nach Estland, Russland oder Deutschland fuhren, doch sie, die beiden, waren in weniger als vier Stunden hergeflogen.

Über die langgezogene Ostsee, hoch nach Finnland, das nun Ende August erstaunlich heiß war. Angenehme Temperaturen noch am Abend, wo man über Straßenbahnschienen durch die Idylle der kleinen Großstadt mit putzigen Straßenschildern und noch putziger sprechenden Einwohnern Arm in Arm zu einem Restaurant schlenderte. Zumindest einen Teil der Gassen Arm in Arm, denn er war genervt, dass Finnen so gern Fleisch und Fisch aßen, und so wenig Wert auf vegetarische Ernährung zu legen schienen. Imbiss-Essen, das liebten die Finnen, Würstchen, Frikadellen, Pommes Frites, Fleisch im Brot. Vor allem Piroggen, diese leckeren Bröte mit verschiedenen Belägen. Und auch andere finnische Köstlichkeiten probierten die beiden. Er bevorzugte finnisches Bier, sie gönnte sich 0,2 Liter Weißwein im Restaurant, dass er gleich kritisierte, weil es mehr als fünf Euro kostet sollte. Ihr war es das Geld wert, schließlich befanden sie sich doch im Urlaub, er hatte heute Geburtstag und jeder weiß schließlich, dass skandinavische Länder eben nicht gerade als günstige Reiseziele gelten. Dafür bekam man aber südfranzösisches Flair. Das ganze Wasser rundherum wirkte glücklicherweise sehr beruhigend auf ihr Gemüt. Auf seins leider nicht.

Die Festung Suomenlinna, vor Helsinki gelegen.  Foto: Dennis Jarvis, flickr.com, CC BY-SA 2.0

Die Festung Suomenlinna, vor Helsinki gelegen.
Foto: Dennis Jarvis, flickr.com, CC BY-SA 2.0

Zu warm und keine Lust auf stöbern

Er meckerte, denn ihm mißfielen die warmen Temperaturen, die fehlenden Tofuburger und da er sich wenig aus den kunterbunten, finnischen Designern wie Alvar Aalto oder Marimekko machte stand er viel an der Promenade oder saß auf Bänken, während sie in finnischen Läden stöberte oder in diesem riesigen, mehrstöckigen Buchladen guckte, weil alles einfach so harmonisch und schön wirkte. Wegen des gemütlichen, finnischen Holzes überall, wegen des Geschmacks der Designer und weil skandivische Einrichtungen einfach in 99 Prozent aller Fälle hübsch sind.

Kultur ist Fehlanzeige

Nein, auch Kultur war nicht seins, dabei gab es so viel zu entdecken. Das Parlament, Museen, Friedhöfe, Kirchen….aber er ging lieber leise fluchend spazieren. Einen halben Meter hinter ihr. Sie schwiegen und sie fragte sich heimlich, wieso er dunkelbraunes Haar hatte und ihr vielen blonden Finnen viel eher ihrem Typ Mann entsprachen. Erst landeten sie zufällig in einem Fichtenwald und dann an einem Baggersee. Es war Sommer, es war warm, aber da er nicht spontan war und sie immer seinen Launen folgte, da sprangen sie nicht in Unterwäsche in den See, sondern beobachteten ein paar Minuten die jauchzenden Finnen, die blonden Kinder und grauen Älteren, die schwammen und sich freuten, weil es ein herrlicher, finnischer, ausgelassener Sommertag war.

Beeren und Nüsse – finnländische Spezialitäten

Die beiden gingen weiter, wieder zurück in die Stadt, über Straßenbahnschienen und entschieden sich für ein Picknick aus dem Supermarkt. Sie liebte es, stundenlang in ausländischen Supermärkten zu gucken. Nur leider ertrug er schon in Deutschland keine Kassenschlangen ohne zu meckern. Sie liebte offenbar den ungeduldigsten Mann der Welt. Finnische Männer waren offenbar größere Genussmenschen, denn sie kauften Fisch, Kavier, Brot, Bier und Käse, egal, wie teuer, fettig oder nahrhaft. Sie wollte das auch, dazu Wein, finnische Süßigkeiten oder Nüsse oder irgendwas mit Blaubeeren, denn Beeren und Nüsse, das waren Spezialitäten, hier in Finnland. Sie liebte sogar diesen ganzen Kitsch mit den dickbäuchigen Kinderbuchfiguren, den Mumins, die der Simpsons-Fan, mit dem sie ein Hotelbett teilte, unlustig fand. Doch ihre Hoffnungen, dass er ihr diese Mumin-Porzellantasse an der Kasse schenkte, die zerschlugen sich. Wie feinstes, finnisches Porzellan.

Eben nur das Übliche

Sie kauften also das Übliche im Supermarkt, Oliven, Käse und Brot, statt lange nach kulinarischen Inspirationen zu schauen. Schade, bedauerte sie, doch dann müsse sie eben zuhause in Deutschland im Feinkostladen finnische Lebensmittelspezialitäten suchen. Er hielt ein Sixpack Leicht-Bier unter seinem sonnenverbrannten Arm, denn er hatte schon drei Bier intus heute, dem Tag nach seinem Geburtstag, den er irgendwie viel lieber mit seinen Freunden in der Heimat verbracht hätte, statt mit ihr, die permanent unzufrieden zu sein schien. Sie wollte Kleider kaufen, neue Sommerschuhe, noch mehr englische Bücher oder Design-Bildbände oder so unnötigen Kram wie Tassen, Tischdecken oder Kerzenständer. Sogar Lebensmittel wollte sie mit nach Hause nehmen, als hätten sie in Deutschland kein gutes Brot.

Zwei Seelen in einem Land

Sie hatten nur vier Tage miteinander, damals in Helsinki. Während er überfordert von der unaussprechlichen Herzlichkeit in diesem Land war, das ohne Zweifel eine teure Hauptstadt besaß, da verliebte sie sich. In blonde, große, lächelnde, essende und lebensfrohe Männer. Sie fielen ihr erst auf, hier, in der Fremde, mit ihm, diesem missmutigen, geizigen, launischen Begleiter, der nicht Mal Fotos von ihnen knipsen wollte. Sie war froh, dass sie ihm als Geschenk diese Reise gemacht hatte, denn wenn zwei zusammen etwas unternehmen, dann haben immer beide etwas davon. Nur eben vielleicht nicht immer das Gleiche. Wie auf den Straßenschildern, hier im hübschen Helsinki. Es war, als beherrsche sie Finnisch und er spräche eben Russisch. Zwei Seelen in einem Land, die irgendwie aneinander klebten, aber doch eigenständige Individuuen waren. Ohne, miteinander zu verschmelzen wie finnisches Softeis.

Das Leben birgt überall Überraschungen, Zuhause als auch in der Ferne... Foto: Dimitry B., flickr.com, CC BY 2.0

Das Leben birgt überall Überraschungen, Zuhause als auch in der Ferne…
Foto: Dimitry B., flickr.com, CC BY 2.0

Ein liebloses Wochenende und andere Überraschungen

Er hatte seinen Geburtstag im finnischen Südfrankreich und mit wahlweise Stark- oder Leichtbier verbracht, nun gut, dabei immerhin Piroggen kennengelernt und als Andenken eine russische Fellmütze gekauft. Aus Höflichkeit schickte er seinen Eltern noch ein Postkarte. Und sie hatte hier in Helsinki unter dem eindrucksvoll glänzenden Sternenhimmel des letzten Abends vor der Rückreise festgestellt, dass das Leben überall, ob Zuhause oder in der Ferne, Überraschungen birgt. Dass sie in einem Land, hoch oben im Norden, plötzlich das Gefühl bekommen kann, am französischen Mittelmeer zu stehen. Und leider auch, dass ein erhofftes Liebeswochenende am Ende ein liebloses Wochenende werden kann. Sie stand noch einmal auf, schaute aus dem Hotelzimmer im 10. Stock über die funkelnde Promande, erinnerte sich an die hübsche, weißegestrichende und leuchtende Kirche um die Ecke, vor der sie am Mittag ein heiratetendes, finnisches, blondes Paar gesehen hatte. Er war nicht stehen geblieben. Sie ja. Sie war neidisch, aber sie ging nicht ohne Hoffnung aus dieser Stadt, diesem wirklich niedlichen, putzigen, teuren aber netten Land, in dem sie außer mit ihrem Englisch und ihrem Optimismus nicht weit gekommen wäre.

Helsinki verändert alles

Als sie und er am nächsten Morgen im Flugzeug sitzen und sie vor sich den Hinterkopf des blonden Geschäftsmanns ansieht, während er müde aus dem Fenster guckt, da weiß sie entgegen aller Reisen zuvor, dass sie noch einmal zurück kommen will, aber ohne ihn. Sie will einkaufen genießen, baden, verrückte Lebensmittel mit unaussprechlichen Bezeichnungen essen, vielleicht sogar gesunden, frisch gefangenen Fisch! Sie will ins Museum gehen und alles über finnisches Design wissen, sie will überteuerten Wein ohne schlechtes Gewissen trinken und ausgelassen mit der Fähre rüber auf die ehemalige Gefängnisinsel fahren. Sie dachte, Helsinki, das ist eine hübsche, vielleicht nicht günstige, aber überraschend inspirierende Metropole. Ein bisschen unterschätzt, oft übersehen und wer einmal dort war, so wie sie, der wird etwas verändert zurückkehren. Helsinki, das glaubt mir niemand, dachte er derweil, aber es ist langweiliger als Salzburg, und das war schon spießige Einöde. Und wie teuer allein das Bier war! Ja, vielleicht freut man sich nach dem Besuch in Helsinki auf die hierzulande erschwinglichere und einheitlichere Bierbraukunst. Vielleicht freut man sich aber auch über die Erinnerungen an diesen Ort namens Helsinki. Wo die mitgereisten Erwartungen enttäuscht werden, aber neue Sehnsüchte geweckt werden können.

Und ganz ehrlich: Was wäre wohl geschehen, wenn er und sie im dunklen, kalten Winter hingeflogen wären?

Teaserbild: Gervasio Varela, flickr.com, CC BY 2.0



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